Warum es mehr Ironie braucht. Oder das Erstarken der Rechten als Versagen der Kunst. 

Man sollte das Leben nicht zu ernst nehmen. Dafür ist es zu kurz. Das Stilmittel der Ironie schafft eine heitere Distanz zwischen den Härten der Welt und dem eigenen Empfinden. Gäbe es die Ironie nicht, ich wollte weder Nachrichten sehen, noch Zeitungen lesen. Es gehört zu den Kunstgriffen der Ironie, oder unserer Zeit, dass in der medialen Vermittlung vieles Ernstgemeinte ironisch erscheint. Oder zumindest doch zur ironischen Rezeption einlädt.

Die Ironie versöhnt, wo sie zu einem Schmunzeln einlädt, sie tröstet, wo sie als Ironie des Schicksals das Ganze in den Blick bekommt und den Menschen die Grenzen der eigenen Macht, des eigenen Geschicks vor Augen führt. 
Mit der ironischen Erfahrung wiederum lässt sich abschließen, mit ihr lässt sich schneller fertig werden als mit Sarkasmus und Zynismus. Der eine macht bitter, der andere verächtlich — beide graben sich ein, erstarren zur Haltung. 

Daher haben die Extremen, Linke wie Rechte, kein Gespür für den doppelten Boden der Ironie. Sie beherrschen den Sarkasmus — als Bitterkeit gegenüber einer Welt, die nicht die ihre ist, und den Zynismus gegenüber dem Leben, das anderen Maximen als den eigenen folgt, wo es ihnen also fremd wird. Wer, wie Markus Frohnmaier, in den Aufmärschen und Treibjagden rechter Schläger einen Akt des Selbstschutzes der Bürger sieht, gar eine Pflicht postuliert, >die todbringende Messermigration zu stoppen<, bedient sich eines Zynismus‘, für den das Leben der Anderen, ihre körperliche Unversehrtheit, keine Rolle mehr spielt. Der im Anderen, zumal im Fremden, einen Feind aber keinen Menschen sieht.   

Der verrückte Hutmacher von Pegida, ein Held der Ironie

Der Pegida-Demonstrant, der sich in Dresden mit einem Kamerateam des ZDF angelegt hat, erscheint, mit ein wenig Distanz, als durch und durch ironische Figur. Zum einen, weil seine optische Erscheinung und Inszenierung so gar nicht zum Traum des strammen Deutschen passen will. Angefangen mit der Lächerlichkeit des Deutschlandhütchens — der Ironiker sieht eine Reminiszenz an Diederich Heßlings Idee, des Kaisers Konterfei auf Klopapier drucken zu lassen* — dann aber auch in Kombination mit der Sonnenbrille, beides zusammen führt zu der doppelbödigen Aussage: Ich bekenne mich (qua Hütchen) zu Deutschland, bestehe aber gleichzeitig auf Anonymität. Letzteres auch begründet durch die Abneigung oder Angst, gefilmt zu werden. Die Ironie setzt sich fort in der biergemütlichen körperlichen Erscheinung des Hutmachers selbst und gipfelt in der förmlichen Ansprache, die ungeachtet aller Form falsch bleibt. 

Es ist eben nicht ein „Kamera weg, sonst gibt’s auf die Fresse“, sondern der Appell >Hören Sie auf, mich zu filmen< und der Verweis auf die Rechtslage >Sie begehen eine Straftat<. Wie der weitere Verlauf zeigte, arbeitet(e) der Mann beim LKA, war also gewissermaßen vom Fach und lag trotzdem falsch. Womöglich hat ihn sogar das falsche Fachwissen zur Teilnahme an der Demonstration bewogen. Unter dem Motto, ich trage A eine Sonnenbrille und darf B nicht gefilmt werden (Stichwort  >Frontalaufnahme<), somit C keine Gefahr für mich und meinen Job. Dass der Mann irrte und entgegen seiner Intention voll in den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist, was, nebenbei bemerkt, der Sinn einer Demonstration ist, — Ironie der Geschichte. Dass er wiederum trotzdem faktisch zunächst von den Polizisten recht bekam, indem diese das Filmen unterbunden haben, ebenfalls ein Kunstgriff der Ironie des Lebens. 

Aber, und das ist das Problem, sie meinen es ja ernst. Allesamt. Vom Hutmacher bis hin zu Björn Höcke (ehemals bekannt als Deutschlands erster Fahnenschwenker, besonders in Talkshows) meinen sie es ernst, bitter ernst. Was der unbedarfte Zuschauer im ersten Moment als Realsatire zu begreifen bereit ist, will sich als solche nicht entpuppen. Sie verweigern die Pointe und man merkt, es fehlen Typen wie Stefan Raab, Jan Böhmermann und andere, um die Performance der Vortragenden zur Kunst zu erheben. Unter dem Mantel der Kunstfreiheit ließen sie sich ertragen, die Hutmachers, Weidels und Höckes. Weidel in der Türkei ihre Rede von Kopftuchmädchen und Messermännern haltend wäre eine schöne Entsprechung zu Böhmermanns Erdogan-Gedicht. Der Hutmacher und Höcke würden in der Dauer-Repeat-Schleife als Einspieler bei TV total laufen und über die leitmotivische Wiederholung der Video-Clips und ihrer Verwendung in verschiedenen Kontexten zur Kunst werden. 

Das Erstarken der Rechten, und der Zuspruch, den sie aus weiten Teilen der Gesellschaft erfahren, ist auch ein Versagen der Kunst. Es bedarf einer Entzauberung der Rechten durch die Kunst, so ließe sich mit ihnen fertig werden, die Kunst muss einspringen, wo die Debatte versagt. Und dass Politik und Journalisten vor der AfD versagen, lässt sich wieder und wieder im Bundestag und in Talkshows beobachten.**

Es scheint, dass uns trotz Wohlstand und Überfluss in weiten Teilen der heitere, der künstlerische Zugang zur Welt verloren gegangen ist,*** und dass gleichzeitig die größten Komödianten (sprich Künstler), wo sie nicht das Kommando übernehmen, wie Trump in den USA, so doch den gesellschaftlichen Diskurs prägen, wie die AfD hierzulande. Wobei — und das mag ein Trost sein — viele AfD-Wähler dies aus Trotz und Protest sein mögen. Und beide, Trotz wie Protest, sind der Ironie verwandt, sie teilen mit ihr das Doppelbödige. In der Ironie ist das Gesagte nicht gemeint, im Trotz das Getane nicht gewollt. Es flirrt noch ein Fünkchen Hoffnung, auch wenn es weiter rechts schon braun zu werden beginnt.  

 


*Heinrich Mann, Der Untertan

**Siehe die Reaktionen der anderen Parteien auf Weidels Messermänner-Rede; auch der Ruf nach einer Überwachung der AfD durch den Verfassungsschutz erinnert an den Hilfruf eines Überforderten

***Vielleicht ist es auch umgekehrt, vielleicht fehlt es den Touchpad-Gesellschaften an realen Resonazerfahrungen. An einer antwortenden Welt, in der der Einzelne etwas bewirken kann, das über einen #wirsindmehr-Symbolismus in Social-Media-Profilen hinausgeht. Echte Erfahrungen, Adrenalin und Widerstände, der Widerstand des Anderen, in dem die eigene Wirksamkeit und Lebendigkeit erfahrbar wird, zum Beispiel im Kampf, schön zu sehen in dem Film Fight Club

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s