Weidels eingewanderte Goldstücke

Die AfD stellt die drittgrößte Fraktion im Deutschen Bundestag. Auch in den Sonntagsfragen liegt sie nach wie vor auf Platz drei, hinter CDU/CSU und SPD. Die AfD ist als drittstärkste Fraktion Oppositionsführerin im Deutschen Bundestag. Als solche hat sie die Generaldebatte zum Haushalt eröffnet.

Die Rede von Frau Dr. Weidel war sprachlich geschliffen, rhetorisch brillant und gleichzeitig eine kalkulierte Provokation. Das Kalkül ist aufgegangen, ihr Auftritt war ein Erfolg, weil die Begriffe „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“ ihren Zweck erfüllt haben; die Anhänger der AfD sind begeistert, alle anderen schockiert – das bringt Zuspruch in den sozialen und Aufmerksamkeit in allen anderen Medien. 

Dabei greift die Fixierung auf die Begriffe „Kopftuchmädchen“ und „Messermänner“  zu kurz, weil sie das Narrativ, das die AfD und allen voran Frau Dr. Weidel, bedient, außer Acht lässt.

Dieses Narrativ erzählt von einer Regierung, die sich dem Volk nicht mehr verpflichtet fühlt, von einer Regierung, die aus Idioten besteht, die versuchen, sich das Volk selbst aussuchen, ja es selbst zusammenstellen wollen (nämlich über die kompensatorische Einwanderung). Von einem Staat, der die Infrastruktur zerfallen lässt, seine Bürger nicht mehr schützen kann und der gleichzeitig Milliarden Euro in die Aufnahme und Alimentierung illegaler Einwander steckt, in denen potentielle Attentäter vermutet werden (der Messermann).

„Alimentierung“ und „Arbeit“ sind dabei Schlüsselbegriffe, wie das von Dr. Alice Weidel zitierte Beispiel von Herbert W. und Sami A. zeigt. Der eine, Herbert W., ist trotz eines „harten Arbeitslebens“ auf die Grundsicherung angewiesen und muss zusätzlich Flaschen sammeln, um seine Rente aufzubessern; der andere, Sami A., war Leibwächter von Osama bin Laden, bekommt 1.200 Euro monatlich (Alimentierung) vom Staat und genießt seine Freiheit und Freizeit in Deutschland. So weit das Beispiel. 

Die Gedankenfolge ist offensichtlich: Harte Arbeit führt hierzulande in die Armut, während Terroristen alimentiert werden. Die, die da kommen, die Illegalen, bekommen Milliarden, wer schon hier ist und arbeitet (das Volk), steht in Zukunft vor dem Nichts, weil die Regierung sich dem Volk nicht mehr verpflichtet fühlt, sondern es, im Gegenteil, geradezu verrät. Es ist ein Narrativ, das spaltet, mit der Angst vor dem Fremden und der Zukunft spielt und gleichzeitig die Verachtung der Eliten zelebriert.

Der Höhepunkt der Rede aber verdankt sich einem Zwischenruf von Anton Hofreiter (Grüne) und einer Eingebung von Frau Dr. Alice Weidel, die ihm Folgendes antwortet: „Wer soll in Zukunft für die Renten aufkommen? Wer zahlt denn Ihre stattlichen Pensionen, auch Ihre, Herr Hofreiter, Sie Schreihals? Ihre eingewanderten Goldstücke etwa? Das glauben Sie doch wohl nicht im Ernst.“

Man muss die beißende Formulierung der eingewanderten Goldstücke durchaus für bare Münze nehmen. Es ist keine Kleinigkeit sondern der spontane Ausdruck schierer Verachtung. Verachtung für die, die da kommen und wirtschaftlich nicht zu gebrauchen sind, Verachtung für die Idioten und Schreihälse, die sie kommen lassen und auch noch alimentieren, die nicht sehen, dass sie sich damit selbst schaden, weil sie ihren eigenen Wohlstand, ihre Rente, gefährden (zumindest da, wo sie die Messermänner nicht das Leben kosten werden). Verachtung, weil ihre Idiotie sie selbst zu Flaschensammlern machen wird, wenn es nicht bald eine Alternative (nämlich die AfD) richtet.

Die Phrase der eingewanderten Goldstücke bedient das bekannte Narrativ zu 100 Prozent, hier finden sich alle Elemente der Rede verdichtet: die Angst vor dem Fremden, das Fremde als Gefahr, die Angst vor der  Zukunft und die Verachtung für die Eliten.      

Die Reaktionen im Bundestag: eine Rüge des Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble wegen der Formulierung „Kopftuchmädchen und andere Taugenichtse“. Ansonsten Nichtachtung von Seiten der Bundeskanzlerin und vielen anderen. Es gab im Grunde keine inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD. Es wurde die Form der Rede beanstandet und zur Person gesprochen, indem Frau Dr. Weidel angeraten wurde, sich zu schämen, oder bemerkt wurde, es säßen Rassisten im Bundestag. Aber keiner machte sich die Mühe, inhaltlich auf die Positionen und Behauptungen der AfD einzugehen.

Damit tut man der Partei einen Gefallen. Denn diese spricht im Grunde ja auch gar nicht zum Plenum, zu den anderen Parteien. Sie will überparteilich nicht anschlussfähig sein, möchte nicht politisch gestalten, sondern sich von denen, die sie als Idioten begreift, abgrenzen und sich so als Alternative für Deutschland präsentieren. Insofern spielt ihr die Nichtachtung in die Karten, mehr noch, sie gibt ihr recht. Dabei ist es in der Politik wie im Leben, die wenigsten Probleme verschwinden, wenn man sie ignoriert. Und dass die Parteien, die nicht drittstärkste Kraft geworden sind, ein Problem mit der AfD haben, darf man getrost annehmen. 

Die Resonanz im Netz. Die Adressaten der Rede saßen nicht im Plenum, sondern vor den Rechnern und am Smartphone. Um das zu erkennen, genügt ein Blick auf die Profile von Frau Dr. Alice Weidel auf Facebook, Twitter und die Kommentare unter der Rede auf YouTube. Hier findet sich viel Zuspruch – auf Twitter auch ab und an Kritik – aber insgesamt sehr positive, mitunter fast euphorische Resonanz. Hier wird Frau Dr. Weidel bereits als künftige Bundeskanzlerin gefeiert, als die Hüterin der Wahrheit, als die Einzige, die sich traut, die Wahrheit auszusprechen. 

Und genau das ist das Ziel der Partei: Positive Resonanz in der eigenen Zielgruppe, beim „Volk“, nicht im Plenum des Bundestags, dieses ist nur Mittel zum Zweck. Positive Resonanz bekommt sie umso leichter, je weniger kognitive Dissonanzen sich bei der Beschäftigung mit der AfD einstellen. Diese herbei zu führen, wäre eigentlich die Aufgabe der Parteien und Medien. Das Mittel hierzu: Entzauberung durch Dialog, durch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem, was da erzählt wird. Die Aufgabe wäre, das Narrativ einem Faktencheck zu unterziehen und inhaltlich dagegenzuhalten. Andernfalls gibt man ihr recht. Denn Schweigen (auch als Ausdruck der Nichtachtung) gilt vielen als Zustimmung.


Die Rede von Dr. Alice Weidel findet sich im Plenarprotokoll 19/32

 

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