Crash der Lebensversicherung. Eine TV- und Themenkritik

Ein Thema, 5 Experten am Tisch und 75 Minuten Zeit. Das Ergebnis? Heillose Konfusion und die bange Frage, nach der eigenen finanziellen Situation im Alter.

Hart aber Fair? Eher fachfremd und unstrukturiert. Das begann schon mit der Setzung des Themas und der Frage, was eigentlich eine Lebensversicherung ist. Worum geht es, den Todesfallschutz oder den Kapitalaufbau zur Verrentung. Beides verschiedene Dinge (mithin auch verschiedene Produkte), mit verschiedenen Kostenstrukturen und Verwendungszwecken. Wer das nicht weiß, hat es in der Sendung auch nicht erfahren. Leider.

Das Hangeln von Fall zu Fall und von Formulierung zu Formulierung hat zudem zu Grabenkämpfen geführt — vornehmlich zwischen dem Vertreter des GDVs, der Politik und der „ARD-Börsenfee“ (der Ausdruck findet sich in der Presse — darf man das in dem derzeitigen Klima sagen oder ist das schon ein Fall für den Twitter-Pranger?) und so den  Blick auf das Gesamtbild verstellt. Dabei ist es doch nicht zu übersehen:

  1. Das umlagefinanzierte System der gesetzlichen Rente muss seit Jahren durch private Vorsorge gestützt werden, weil es alleine nicht ausreicht, um im Alter sorgenfrei über die Runden zu kommen. Das wird die Politik nicht müde, den Bürgern zu sagen. Die Situation verschärft sich seit einiger Zeit demografiebedingt. Lösungen innerhalb des Systems lauten: a. länger arbeiten, b. höhere Beiträge zahlen, c. niedrigere Rente bekommen. Nichts davon ist populär. Aber ein weiter so funktioniert auch nicht.
  2. Die private oder betriebliche Zusatzvorsorge hadert im ersten Fall mit den Bedingungen am Kapitalmarkt, im zweiten Fall mit den heutigen Erwerbsbiografien — Riester und Rürup haben hausgemachte Probleme und sollen hier außen vor bleiben. Richtig ist, dass die Zeit risikoloser Zinsen vorüber ist. Aber man darf auch nicht so tun, als ließe sich an den Kapitalmärkten keine Rendite erwirtschaften. Das Gegenteil ist der Fall. Die Aktienmärkte schießen durch die Decke. Aber eben nicht die Staatsanleihen. Zur betrieblichen Altersvorsorge ist zu bemerken, dass die Absage an einen lebenslagen Arbeitgeber auch eine Absage an viele bAV-Modelle ist. Zumindest in der jetzigen Form.
  3. Allein die Punkte 1 und 2 dokumentieren schon das Hauptproblem: Das Thema Altersvorsorge, die Ausfinanzierung des eigenen Lebens auch im Alter, ist hoch komplex und wird in Deutschland an maßgeblicher Stelle totgeschwiegen. Der eigentliche Skandal ist, dass im Land der Dichter und Denker die finanzielle Bildung vergessen wird. Sie ist nicht Teil der Schulbildung. Sie ist im Gegenteil mit der Einführung zusätzlicher Rentensysteme privatisiert worden. Es ist der Vertrieb, es sind private Dienstleister, die den Bürger über die eigene finanzielle Situation aufklären und ihnen Produkte verkaufen, um diese zu verbessern. Dass sie dies auch mit dem Motiv des eigenen Vorteils tun, kann man ihnen schwerlich vorwerfen. Woran fehlt es?
    1. Zum einen mangelt es daran, dass sich der Einzelne konkret ein ungefähres Bild des eigenen Kapitalbedarfs und der Kapitalsituation im Alter machen kann. Das wäre aber notwendig, um entscheiden zu können, wie viel Vorsorge eigentlich individuell sinnvoll ist
    2. Zum anderen mangelt es auch einfach an rudimentärem Fachwissen. Sicher, die Terminologie im Finanzdeutsch ist unübersichtlich. Aber es geht auch nicht darum, Hebelzertifikate zu verstehen und erklären zu können, sondern darum, Riskien ein- und abschätzen zu können, zu erkennen, was reale Werte und was prognostizierte Werte sind. Sich 20 Jahre lang auf prognostizierte Werte zu verlassen darf man — bei allem Respekt — als grenzwertig bezeichnen. Trotzdem ist es ein Geben und Nehmen. Kunden sollten sich aus reinem Eigeninteresse ernsthafter mit der Korrespondenz ihrer Finanzdienstleister auseinandersetzen. Anderseits müssen Unternehmen mehr in Compliance investieren, sie müssen so kommunizieren, dass Kunden das Gesagte auch verstehen können, wenn sie denn wollen. Das ist zugegeben nicht  immer der Fall. (Wobei hier auch nicht immer Absicht unterstellt werden darf. Wer weiß, durch wie viele Abteilungen, Hände und Köpfe Texte gehen, bevor der Kunde sie sieht, weiß auch, dass viel Kauderwelsch system- und prozessbedingt ist.) Und auch dieser Einwurf sei noch gestattet: Versicherungsvermittler, die ihren Job ernst nehmen, sollten auch nach Abschluss noch zwischen Kunden und Unternehmen vermittlen. Es wäre eingentlich eine einfache Serviceleistung, mit dem Kunden gemeinsam die Korrespondenzen durchzugehen und Unstimmigkeiten zu klären. Eine Serviceleistung, die  durch die Bestandsprovision bereits finanziert sein sollte.

Was ist nun das Fazit aus 75 Minuten „Hart aber Fair“? Vielleicht, dass es klug sein könnte, sich ein wenig intensiver mit den eigen Verträgen und Aussichten zu beschäftigen. Sich selbst zu informieren, sich wo nötig Rat zu holen und im besten Fall eine informierte Entscheidung zu treffen. Und, ja: dass es in vielen Fällen besser ist, einfach mal den Fernseher abzuschalten!

 

Links zur Sendung:

Fokus: https://www.focus.de/kultur/kino_tv/focus-fernsehclub/tv-kritik-hart-aber-fair-lebensversicherung-vor-dem-aus-ard-expertin-hat-rat_id_8343939.html

FAZ: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/tv-kritik-hart-aber-fair-die-verunsicherte-republik-15412477-p2.html

Bild: http://www.bild.de/politik/inland/talkshow/plasberg-versicherungs-talk-54562524.bild.html

 

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