Über die Unterschiede der Begriffe „Sinn“ und „Zweck“ im Rahmen der Sinnökonomie

An der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt (FHWS) kam es während einer Vorlesung im Zusammenhang mit dem Thema „Sinnökonomie“ zu einer Debatte, in deren Mittelpunkt die Frage nach der Unterscheidung zwischen dem Sinn und dem Zweck eines Unternehmens stand. Diese Unterscheidung ist tiefgreifender, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Denn offensichtlich sind die Begriffe Sinn und Ökonomie keine unmittelbaren Nachbarn im Bereich der Sprache.

Wir hören immer öfter, dass Kaufentscheidungen sinnvoll sind oder umgekehrt, dass es keinen Sinn macht, für bestimmte Produkte Geld auszugeben. Gleichzeitig entdeckt die Industrie das Feld der Ethik als Nutzfläche. Es zahlt sich inzwischen für Unternehmen wieder aus, eine Haltung zu haben. Die Verknüpfung von Produkten und Dienstleistungen mit individuellen Werten wird von Kunden und Mitarbeitern als sinnvoll empfunden. Für Unternehmen ist dies vor allem profitabel. Deswegen beginnen sie, Sinn zu organisieren und wirtschaftlich zu verwerten.

Die folgende Erörterung untersucht, inwiefern sich die Begriffe „Sinn“ und „Zweck“ unterscheiden. In einer weiteren, noch ausstehenden Untersuchung soll gezeigt werden, auf welchen Voraussetzungen der Sinn in der Wirtschaft beruht, welche gesellschaftlichen und digitalen Entwicklungen ihn fördern und wie er sich perspektivisch entwickeln könnte.

Für gewöhnlich ist die Sprache unser Freund. Sie ist das Instrument mit dem wir uns in Welt und Gesellschaft orientieren.  Und sie ist mehr als das. Sie ist, in einem Wort von John McDowell, unsere zweite Natur.

Den Überlegungen Wittgensteins folgend, können wir sagen, dass uns Sprache, ungeachtet aller Freundschaft, regelmäßig in die Irre führt. Je weiter wir uns von den praktischen Dingen des Lebens entfernen, desto größer die Gefahr, einer sprachlichen Figur oder Analogie auf den Leim zu gehen. Wir reagieren auf die Warnung „Achtung“ unmittelbar, ohne zu überlegen. Und auch der Satz, „reich mir die Butter“ wird unmittelbar verstanden. Wir reagieren darauf in aller Regel mit einer Handlung, nicht mit der Frage, „wie meinst du das“?

Im Fall von Behauptungen, etwa: „es ist der Fall, dass …“ sagen wir aus, dass bestimmte Dinge in der Welt so und so sind, und dass, was wir behaupten, wahr ist. Diese Aussagen können also wahr oder falsch sein —, die Dinge können so oder auch anders liegen. Wir können uns irren oder lügen. Behauptungen, Aussagen über die Welt, sind rational, wenn wir sie begründen können. Wenn ich eine Behauptung aufstelle, muss ich in der Lage sein, sie zu begründen, sie gegen andere Behauptungen zu verteidigen. Es wäre witzlos, eine Behauptung aufzustellen, die ich nicht in einen Begründungszusammenhang stellen kann. Die Begründung kann plausibel sein oder nicht. Je plausibler die Begründung ist, desto glaubwürdiger erscheint uns die Behauptung.

Wenn ich die Worte nun aber aus ihrem Kontext reiße und — unabhängig von ihrem Verwendungszusammenhang in einer Praxis — die Frage stelle, was sie bedeuten, liegen die Dinge nicht mehr so einfach. Wir laufen dann Gefahr, Wortbedeutungen zu konstruieren, die den Worten in ihrer alltäglichen (natürlichen) Verwendung widersprechen. Diese Gefahr nimmt mit dem Reflexionsgrad des Denkens zu. Bis zu dem Punkt, an dem wir mit Wittgenstein sagen können:

Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen. *

Das geschieht regelmäßig, wenn wir in Diskussion zum Beispiel nach dem Sinn oder dem Zweck des Lebens, dem Sinn und Zweck von Unternehmen fragen. Wir sind dann versucht, die Begriffe auf eine versteckte Bedeutung hin zu analysieren, wir hoffen, durch die Analyse etwas zu entdecken, was uns zuvor verborgen blieb. Aber diese Hoffnung ist trügerisch. Die Sprache verbirgt nichts. Es liegt alles offen zu Tage, insofern lässt sich festhalten:

Es ist eine Hauptquelle unseres Unverständnisses, dass wir den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen. **

Schauen wir uns den Gebrauch, die Grammatik, der Begriffe „Sinn“ und „Zweck“ an. In welchen Begriffs-Konstellationen kommen sie vor? Innerhalb welcher praktischen  Situationen werden sie angewendet.

Der Sinn verweist zunächst auf die eigenen Sinne. Über die Sinne nehmen wir die Welt wahr, über die Hände lernen wir, sie zu begreifen, bis wir sie mit dem Verstand erkennen und verstehen können. Kant trifft in der Kritik der reinen Vernunft die grundlegende Unterscheidung von Sinnlichkeit und Verstand. Was im Verstand ist, ist ihm durch die Sinne gegeben, ist Sinnesdatum. Kurz, der Begriff des Sinns führt uns zunächst auf uns selbst zurück.

Einer Sache einen Sinn zuzuschreiben, bedeutet zunächst, sie begriffen zu haben. Dann aber auch, das Begriffene für gut zu befinden. Die Zuschreibung des Sinnvollen hat gleichzeitig auch einen normativen Aspekt. Somit ist das Sinnvolle immer auch das Gute. Der Sinn des Lebens, meint das für mich gute oder richtige Leben. Deswegen lässt sich auch sagen, „es ist für ihn sinnvoll, nicht aber für mich“. Der Sinn verweist in diesen Fällen auf subjektive Wertesysteme. Etwas für sinnvoll zu erklären, sagt also in gleicherweise etwas über die Sache selbst, wie über denjenigen, der sich über sie äußert. Wenn ich über ein Unternehmen sage, es sei sinnvoll, habe ich 1. begriffen, wofür das Unternehmen steht, 2. aber teile ich seinen Standpunkt, seine Werte sind mit meinen kompatibel, insofern kann ich sagen, das Unternehmen und sein Angebot sind für mich sinnvoll.

Der Begriff des Unsinns hingegen verweist eigentlich auf eine Schwäche des Sinns. Der Unsinn ist, wo nicht Stilmittel zur Unterhaltung, Zeichen eines kognitiven Ungenügens. Der Unsinn und das Sinnlose zeigen an, dass eine Sache nicht ausreichend bedacht wurde. Der Satz, „es ist sinnlos, es weiter zu versuchen“, entspricht der Bitte an den Handelnden, kognitiv zu erfassen, dass seine Versuche nicht zum Erfolg führen werden. Der Aspekt der Erkenntnis wird betont, nicht der Aspekt der Zielerreichung.

Der Zweck hingegen weist über sich selbst hinaus auf sein Ergebnis oder Ziel hin. „Was bezweckst du?“ befragt den Handelnden nach seinem Ziel. In gleicher Hinsicht verwenden wir, der Zweck heiligt die Mittel“. Damit sagen wir, dass für den guten Zweck auch schlechte Mittel recht sind. Der Zweck selbst ist neutral. Wenn wir den Zweck werten wollen, müssen wir die Wertung eigens hinzufügen. Deshalb ist der gute oder höhere Zweck normativ gekennzeichnet. „Es hat keinen Zweck“, gibt an, dass das Ziel über die eingesetzten Mittel nicht zu erreichen ist. Es sagt nichts darüber aus, wie der Zweck ethisch zu werten sind. Ein Handlung, die aus niedersten Motiven heraus begangen wird, verfolgt immer einen Zweck. Wir würden uns aber dagegen sperren, sie als sinnvoll zu bezeichnen. Eben weil wir uns von ihren Motiven distanzieren wollen. Sie als sinnvoll zu bezeichnen, hieße, sie zu billigen.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen kommen wir zu folgendem Schluss: Wenn wir aktuell beobachten, dass Unternehmen mehr und mehr beginnen, den Sinn für sich und ihre Produkte zu reklamieren, macht uns das stutzig, weil wir fürchten, dass sie den normativ gehaltvollen Begriff des Sinns letztlich nur für ihre wirtschaftlichen Zwecke einzubinden versuchen. In Anlehnung an Habermas können wir davon sprechen, dass der Sinnbegriff kolonialisiert wird.


Der Text entstand auf Einladung von Professor Dr. Ankenbrand im Zusammenhang mit einer Veranstaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.

*   Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Paragraph 11
** Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Paragraph 122

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