Sinnökonomie? Was ist das eigentlich?!

Aaron Hurst hat den Begriff der Sinnökonomie (Purpose Economy) geprägt. Was ist darunter zu verstehen?

In einem Artikel von Hurst findet sich folgende Erläuterung:

Marketingleute, Personaler, Ingenieure und Manager arbeiten „pro bono“ – für gute Zwecke. In den USA erhalten gemeinnützige Organisationen inzwischen im Jahr Pro-bono-Dienstleistungen im Wert von 15 Mrd. Dollar. Im Gegenzug bekommen die Marketingmenschen und Manager das unbezahlbare Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu leisten. (…) Zumindest in den hoch entwickelten Ländern haben klassische ökonomische Ziele wie „Mehr Gehalt!“ für viele Menschen an Attraktivität verloren. Sie wollen sich stattdessen mit ihrer Arbeit selbst verwirklichen – und darstellen. Sie sehnen sich nach einem Sinn in ihrer Arbeit und damit in ihrem Leben.*

Die Sinnökonomie ist demnach durch folgende Merkmale charakterisiert:

  1. Die Zielgruppe. Die Sinnökonomie ist offensichtlich etwas für Hochqualifizierte, nämlich für „Marketingmenschen, Personaler“ et cetera
  2. Die Bezahlung. Anstelle von Geld gibt es eine Art psychologische Prämie, nämlich „das unbezahlbare Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu leisten“
  3. Das Sinnvolle. Es entpuppt sich als Dienst an der Gesellschaft, nämlich der unbezahlten Unterstützung „gemeinnütziger Organisationen“

Beleuchten wir diese 3 Merkmale näher,  lässt sich Folgendes festhalten: Die Sinnökonomie ist eine Nische, sie besteht aus freiwilligen Leistungen Hochqualifizierter, die sich für den guten Zweck — gewissermaßen ehrenamtlich — engagieren und im Gegenzug dafür eine psychologische Prämie, bestehend aus dem guten Gefühl, das Richtige getan zu haben, bekommen. Das Richtige zu tun steigert sowohl das Selbstwertgefühl als auch die soziale Verkehrsfähigkeit, frei nach dem Motto: Tue Gutes und sprich darüber.

Offensichtlich ist das Höher, Schneller und Weiter der 90 Jahre, das neben anderen Exzessen zu 3 schweren Finanzmarktkrisen geführt hat, deren Auswirkungen bis heute in letzter Konsequenz nicht abzusehen sind, einem neuen Verantwortungsgefühl gewichen, das den Erwerb an den Bedarf rückbindet und den Einzelnen wieder der Gemeinschaft verpflichtet.

Das Entwicklungspotential einer so definierten Sinnwirtschaft bleibt konsequenter Weise limitiert. Sie ist in gewisser Hinsicht eine Art Ablasshandel, insofern als ihre Akteure in der Hauptbeschäftigung einer, wenn nicht sinnentleerten Tätigkeit so doch zumindest einer nicht sinnerfüllenden, Tätigkeit nachgehen und diese über etwas „wirklich Sinnvolles“ kompensieren. Die positive Wirkung der psychologischen Prämie lässt sich nur verstehen, wenn die Erfahrung des Arbeitsalltags als das Gegenteil der pro-bono-Dienstleistungen gesetzt wird. Ansonsten bliebe unklar, woraus sich die individuelle Motivation der unbezahlten Mehrarbeit speisen sollte.

Die Sinnwirtschaft begründet auch nichts Neues, da sie an bestehenden Strukturen, den gemeinnützigen Organisationen, anknüpft und auf eine Art von Transferleistungen basiert. Zugespitzt formuliert: ich brauche einen richtigen Job, um nebenher auch etwas Sinnvolles leisten zu können.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist nicht klar, wie eine Entwicklung, die Hurst klug erkannt und benannt hat, eine neue Wirtschaftsepoche begründen soll.

Es geht vielmehr darum, das primäre Tätigkeitsfeld als den Bereich der sinnvollen Tätigkeit zurück zu erobern. Oder, wenn man lieber will, erstmals als solchen zu begründen. Die Frage lautet also nicht: Wann kann ich nebenher noch etwas Sinnvolles tun? Sondern eher: Wie muss Arbeit strukturell und inhaltlich verfasst sein, um primär als sinnvoll erfahren zu werden. Und dafür ist es sicherlich notwendig, die Perspektiven des Begriffs „Sinn“ oder „Sinnvoll“ zu bestimmen.

Die Bestimmung des Sinn-Begriffs stellt uns vor erhebliche Schwierigkeiten.

Dabei geht es nicht nur um die Verbindung von „Sinn“ und „Ökonomie“,  sondern insgesamt um die Frage, was unter dem Sinnvollen jeweils verstanden werden soll. Oder anders: welche Perspektiven der Begriff des Sinnvollen aufweist.

Denn auch wenn die Übersetzung von „Purpose Economy“ nach „Sinnökonmie“ erstmal funktioniert, darf sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass das englische Wort „Purpose“ einen anderen Assoziationshorizont aufweist als die deutsche Übersetzung „Sinn“. Wer diesen Unterschied übergeht, läuft Gefahr, die Sinnökonomie normativ gehaltvoller zu deuten, als sie vielleicht gemeint ist. Die folgende Überlegung mag das verdeutlichen:

Wir sagen „der Sinn des Lebens“ und meinen damit das gute Leben. Die Kunst, ein gutes Leben im ethischen Sinne zu führen. Der Begriff des Guten hat in diesem Zusammenhang eine Dauer und ist nicht zu verwechseln mit Glück. Das Glück ist kurzfristiger Natur. Außerdem kann ich trotz mancherlei Unglück ein gutes Leben geführt haben. Ein „geglücktes Leben“ hingegen kennzeichnet das Leben in der Rückschau als Entwurf, der auch hätte scheitern können.

„Der Sinn des Lebens“ ist im Englischen eher „the meanging of life“, nicht etwa „the purpose of life“.  Der Sinn verweist zunächst auf die Sinne, nämlich auf die eigenen Sinne, mit denen ich die Welt begreife, sie über Begriffe verstehe. Etwas ist sinnvoll, insofern es verstanden und für gut befunden wird. „Purpose“ hingegen hat keinen Bezug zu „Senses“ oder „Meaning“. Hier spielen eher zweckrationale oder instrumentelle Bestandteile hinein. Daher auch die Wendung, „he did it on purpose“. Das Unsinnige wiederum ist Nonsense, nicht aber Non-Purpose.

Wir halten fest, dass der Assoziationshorizont des Begriffs „Sinn“, weiter gefasst ist als der des Begriffs „Purpose“. Während im Sinn-Begriff immer auch normative Aspekte mitklingen, betont Purpose einer eher rationale, externe Komponente. Das Sinnvolle steht in der Perspektive des Guten oder Richtigen. Wir verhalten uns dem Sinnvollen gegenüber zustimmend – wobei damit nach wie vor offen bleibt, was das Sinnvolle jeweils ist.

Der Sinn als subjektive Richtschnur

In den meisten Fällen haben wir zu dem für uns Sinnvollen unmittelbaren Zugang. Wir können ad hoc angeben, ob etwas für uns sinnvoll oder sinnlos ist. Wie kommt das? Zum einen sicherlich, weil wir Erfahrung und Handlungen vor dem Hintergrund unseres individuellen Weltbilds interpretieren. Und nur vor diesem Hintergrund erscheinen Handlungen plausibel, richtig, konsistent und damit sinnvoll – oder als ihr Gegenteil.

Wenn ich der Überzeugung bin, dass jedes Leben wertvoll ist und einen Zweck an sich selbst darstellt, muss ich entweder vegetarisch leben oder zumindest wert auf artgerechte Haltung, kurze Transportwege und (so fern das kein Widerspruch in sich ist) der Würde des Lebens angemessene Schlachtbedingung legen. Der Griff nach den günstigsten Lebensmitteln erweist sich damit unter der Maßgabe bestimmter Überzeugungen als widersprüchlich und damit sinnlos. (Widerspruchsfreiheit als ein Kriterium für Sinnhaftigkeit.)

Der hier beschriebene Sinn-Zugang ist offensichtlich kognitiver Art. Das Sinnvolle erschließt sich vor dem Hintergrund meines Wissens. Folglich können sich meine Handlung auch im Nachhinein als sinnlos erweisen – insofern nämlich, als ich  veranlasst sein kann, sie vor einem erweiterten Wissenshintergrund neu bewerten zu müssen.

Es gibt allerdings noch einen anderen Zugang, einen der nicht kognitiv sondern eher qualitativ verfasst ist. Hartmut Rosa erörtert in seinem Buch „Resonanz“, wie der Mensch in die Welt gestellt ist und zeigt, wie er Weltbeziehungen über Resonanzachsen aufbaut. Ein gelingendes Leben ist nach Rosa eines, dem es gelingt, offene, vibrierende, atmende Resonanzachsen zu etablieren. Rosa beschreibt diese Achsen auch als Draht zur Welt, der vibriert und atmet. Die Welt erscheint dann tönend und farbig, das eigene Selbst bewegt, sensitiv und reich.**

Die Resonanzachsen, von denen Rosa spricht, werden notwendiger Weise über die Sinne konstruiert, sie dürfen indes nicht als mit ihnen identisch begriffen werden. Die Resonanzachsen schwirren, oder vibrieren, wenn die über sie vermittelten Inhalte etwas Positives erzeugen, das selbst nicht in ihnen enthalten ist. So kann das Gitarrespielen, Geldverdienen, Kochen oder Essen, eine über die Sinne vermittelte Resonanzerfahrung erzeugen oder eben auch nicht. Das Sinnvolle bekommt folglich über den Begriff der Resonanz eine qualitative Komponente. Anders formuliert: die sinnvolle Handlung prämiert den handelnden Akteur über das Phänomen der Resonanz. Das unbezahlbare Gefühl, etwas wirklich Sinnvolles zu leisten, das Aaron Hurst im Zusammenhang mit der Sinnökonomie in Spiel bringt, können wir demnach als spezifische Resonanzerfahrung begreifen.

Der Sinnperspektiven der „Purpose Economy“

Wenn wir einen gehaltvollen Sinnbegriff zugrunde legen, ist es berechtigt, auch die biologische und nachhaltige Produktionsweise (von zum Beispiel Lebensmitteln und Kleidung) als Teilbereich der Sinnökonomie zu erfassen. Denn hier sind Menschen bereit, einen deutlichen Aufpreis für Produkte zu zahlen, wenn sie mit ihrem persönlichen Weltbild korrespondieren. Im Gegenzug dafür stellt sich beim Kauf oder Verzehr dieser Produkte eine gewisse Form der Resonanz ein. Oder, um wieder mit Aaron Hurst zu sprechen, das unbezahlbare Gefühl, etwas Sinnvolles (hier eher: das Richtige) zu tun.

Es fühlt sich einfach sehr viel besser an, Eier aus Freilandhaltung zu kaufen als Eier aus Produktionsstätten zu beziehen, die an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte erinnern lassen. Klar ist allerdings auch: ich muss mir diese Eier leisten können, sowohl als Konsument als auch als Produzent.

Wenn wir den Bereich der Sinnökonomie noch weiter fassen wollen, müssen wir uns endgültig von der zweckrational verfassten Bedeutung von „Purpose“ verabschieden. Wir brauchen dann nämlich nicht alleine den höheren Zweck der Unternehmung, um die Sinnwirtschaft zu begründen. Das funktioniert zwar ausgezeichnet für das sekundäre Betätigungsfeld (dem Engagement neben der Arbeit), wie Aaron Hurst gezeigt hat. Aber die Zahl von Unternehmen, die berechtigter Weise die Arbeit an einem höheren Zweck für sich beanspruchen könnten, ist begrenzt.

Es gibt eine Reihe von Branchen, die sich hinsichtlich der Identifikation mit einem höheren Zweck vor Probleme gestellt sehen müssten. Worin besteht etwa der höhere Sinn der Automobil-Industrie? Mobilität? Nachhaltige Produktion? Umweltschutz? Vielleicht. Aber die Höhe dieser Zweck wäre wohl eher bescheiden zu nennen. Wenn sich die eigene Branche einem höheren Zweck a priori verschließt, hilft es in der Regel wenig, ihn herbeizureden, auch wenn die Werbe- und Kommunikationsindustrie damit gutes Geld verdient.

Sinnvoller scheint der Ansatz, in eine Form des Wirtschaftens und Arbeitens zu kommen, die für interne und externe Stakeholder die Möglichkeit positiver Resonanzerfahrungen bieten. Das setzt zum einen ein gutes Verständnis der Kunden- und Mitarbeiterperspektive voraus, stellt zum anderen hohe Anforderungen an Produkt- und/oder Dienstleistungs-Design und erfordert insbesondere die Bereitschaft, Begriffe wie Wachstum und Gewinn neu zu definieren. Also den Unternehmenserfolg nicht mehr ausschließlich an Rendite und Gewinnerwartung zu messen. Arbeitgebern, die einen resonanten Arbeitsplatz anbieten können, dürfte es sehr viel besser gelingen, jene Hochqualifizierten zu erreichen, für die hohe und höhere Bezahlungen längst nicht mehr die entscheidenden Kriterien sind.


Dieser  Text entstand auf Einladung von Professor Dr. Ankenbrand im Zusammenhang mit einer Veranstaltung der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt.

* Aaron Hurst, Auf dem Weg in die Sinnökonomie: http://www.capital.de/meinungen/auf-dem-weg-in-die-sinnoekonomie.html

** Hartmut Rosa, „Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung“, Berlin 2016, zitiert nach der Kindle-Ausgabe ab Position 406

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s