Digitaler Totalitarismus

„Digitalisierung!“ – lautet das Paradigma unserer Zeit. Digitalisiert wird alles. Kommunikation, Produktion, Beziehungen und Geräte. So wird das Digitale total. Ein Beispiel: Ab März 2018 müssen in der EU verkaufte Neuwagen über den automatischen E-Call und damit über einen Internet-Chip verfügen, jedes neue Auto wird vernetzt sein. Wer in Zukunft mit dem Auto fährt, bewegt sich auf der Straße und im Netz. Immer. Ob er will oder nicht.

Die Digitalisierung ist ein gigantisches Geschäft. Accenture und andere sehen für die Automobilindustrie ein Wertschöpfungspotenzial in Milliardenhöhe. Thilo Koslowski, Geschäftsführer von Porsche Digital, lässt sich dazu in der Süddeutschen Zeitung wie folgt zitieren: „Wir haben gerade einen Urknall in der Autoindustrie: Es werden sich neue Universen aufbauen. Das ist eine Riesenchance, neue Planeten zu besetzen.“  (Das Zitat lässt eher einen Sternenkrieger denn einen Autobauer vermuten, es zeigt: die Aussicht auf  exorbitanten Umsatz lässt die Träume in den Himmel schießen. Und weit darüber hinaus.)

Das vernetzte Auto produziert und versendet permanent Daten. Es ist die Vorstufe zum autonomen Fahren, das ohne Vernetzung nicht denkbar wäre. Im Gegenteil: im vernetzten Verkehr werden analoge Verkehrsteilnehmer zum Sicherheitsrisiko. Es ist durchaus möglich, dass Fußgänger in ein paar Jahren aus Sicherheitsgründen nur noch mit aktiviertem GPS-Signal über die Straßen gehen können. Ebenso möglich, wenn nicht gar wahrscheinlich, dass künftig Mobiltelefone die geographische Ortung nicht als Option sondern nur noch als Obligation beinhalten. So dass es also nicht mehr möglich sein wird, nicht geortet zu werden.

Nicht eines sondern alle!

Die Digitalisierung ist total, weil sie alle Bereiche des Lebens umfasst. Es ist eben nicht nur das digitale Auto, das digitale Radio, die digitale Kommunikationsplattform oder der digitale Fitness-Tracker. Es ist die Gesamtheit der digitalen Assistenzsysteme, Tracker und Geräte, die in den digitalen Totalitarismus führt.  

Der digitale Totalitarismus wird durch Merkmale definiert sein, die sich von anderen totalitären Formen unterscheiden:

  1. Es ist ein wirtschaftlicher getriebener Totalitarismus, kein politischer
  2. Er wird subjektiv als Selbstverwirklichung erlebt, nicht als Unterdrückung
  3. Sein Ziel ist die absolute Erfassung und Vermessung allen menschlichens Seins auf  Grundlage umfassender Daten mit dem Ziel der totalen Verwertung  

So kommt der digitale Totalitarismus als Verbesserung des Lebens, als Optimierung des Selbst und seiner Möglichkeiten daher. Digital zu sein, online zu sein, ist kein von außen auferlegter Zwang sondern ein inneres Bedürfnis. Die Lust an neuer Technik und neuen Möglichkeiten. Nichts außer uns selbst zwingt uns unter das digitale Joch. Aber gerade das macht es unentrinnbar: der Glaube, im eigenen Interesse zu handeln.  

Im digitalen Totalitarismus ist alles Arbeit

Die Digitalisierung hat eine neue Währung eingeführt, von der wir weder den Wert noch den Wechselkurs taxieren können. Die Rede ist von unseren Daten. Das vernetzte Auto, die Apps auf unseren Telefonen, unsere Internet Browser – die gesamte smarte Technik sammelt Daten. Diese Daten sind mitnichten privat, wie Datenschützer so gerne behaupten. Sie sind im Gegenteil die conditio sine qua non. Ohne Daten keine Digitalisierung. Daten sind der Rohstoff der Digitalisierung, sie sind zugleich Ware und Währung. Die Grundpfeiler einer kommenden Wirtschaft, deren Züge und Implikationen sich schemenhaft zu zeigen beginnen.

In seinem Buch, Das Kapital, schreibt Karl Marx: „Der Konsumtionsprozess der Arbeitskraft ist zugleich der Produktionsprozess von Ware und von Mehrwert.“* Der Arbeiter produziert durch seine bezahlte Arbeit sowohl eine Ware als auch einen Mehrwert. Unter diesem Gesichtspunkt sind im digitalen Totalitarismus User immer auch Arbeiter: Wir alle produzieren ununterbrochen Daten, die für Unternehmen sowohl eine Ware als auch einen Mehrwert darstellen. Einen Mehrwert, weil sie als Erkenntnisgrundlage den Unternehmen als Basis für die Optimierung ihrer Angebote dienen, eine Ware, weil sich die Daten über den Verkauf an andere Unternehmen jederzeit monetarisieren lassen, eine Währung, weil wir als User mit der Preisgabe unserer Daten die Services von Facebook, Amazon, Google und allen anderen bezahlen.  

Subjektiv betrachtet sind Daten ein Abfallprodukt der Nutzung von digitalen Services. Immer, wenn wir oder unsere Geräte im Netz sind, wenn wir digitale Services nutzen, bei Google etwas suchen, bei Facebook etwas posten, mit Runtastic joggen, produzieren wir viele unterschiedliche Daten. Als Nutzer haben wir für einen Großteil dieser Daten keine Verwendung, sie sind Nebenprodukte der Nutzung, mithin Müll. Das bedeutet, der Währungscharakter der Daten, mithin ihr Wert für die Unternehmen, ist uns nicht bewusst. Wir kommen zum Beispiel nicht auf den Gedanken, unsere Daten selbst zu verkaufen. Im Gegenteil, wir sind intuitiv der Meinung, dass die Services, die wir Nutzen, den Preis unserer Daten allemal wert sind. Das mag auf individueller Ebene auch stimmen. Mit Blick auf die Geschäftszahlen von Facebook und Google kann man sich indes auch die Frage stellen, ob wir als Kollektiv der User unsere Daten nicht weit unter Wert verkaufen.

Die Nutzung von Google, Facebook und anderen ist also nicht gratis, wir bezahlen sie mit unseren Daten, wir zahlen sie, indem wir Waren und Mehrwert schaffen. Dabei haben nicht nur keine Ahnung, was diese Währung tatsächlich wert ist, wir übersehen auch, was sie uns persönlich kostet. Um ein Gespür dafür zu bekommen, sollten wir anfangen, unseren Umgang mit diesen Unternehmen und ihren Services als Arbeit zu betrachten. Immer, wenn wir auf Facebook sind, über Amazon Video Content konsumieren oder mit Siri respektive Alexa sprechen, arbeiten wir. Wir arbeiten, weil und insofern wir für diese Unternehmen Ware und Mehrwert produzieren. Da wir dies in unserer Freizeit tun, also vor, nach und neben der Arbeit, für die wir bezahlt werden, gibt es das Andere der Arbeit nicht mehr. Im digitalen Totalitarismus ist alles Arbeit. Insbesondere das, was wir als Freizeit zu betrachten gewohnt sind.

Freiheit als Wechselkurs 

Facebook kann heute schon sagen, welche seiner User tendenziell suizidgefährdet sind. Google weiß mit großer Sicherheit, wo sich seine Schäfchen gerade herumtreiben und auch, was sie umtreibt (Google-Maps + Suchanfragen). Amazon hat sehr klare Vorstellungen davon, wie viel Umsatz jeder seiner Kunden im nächsten Jahr mit welchen Produktkategorien machen wird. Health-Apps und die angeschlossenen Unternehmen haben ein deutlich klareres Bild von dem Gesundheitszustand und der Leistungsfähigkeit ihrer User als diese selbst. Das systematische Sammeln von Daten und die erweiterten Möglichkeiten der Datenanalyse durch künstliche Intelligenz führt dazu, dass privatwirtschaftlich geführte Unternehmen den Einzelnen besser kennen, als er es selbst je könnte.  

Auf Sicht verliert der Mensch im digitalen Totalitarismus folglich den privilegierten Zugang zu seinem Innenleben. Insbesondere dann, wenn aufgrund von Social-Media-Profilen, E-Commerce, Bewegungsprofilen und Aufzeichnungen der Mensch-Maschine-Interaktion mit Alexa, Siri, und Cortana psychometrische Profile erstellt werden, die das jeweilige Selbst exakter erfassen als jede Selbsteinschätzung oder Erkenntnis aus persönlicher Erfahrung es könnte. Schon heute werden im Rahmen von Sicherheits-Checks, etwa bei der Einreise in die USA, Social-Media-Profile herangezogen, um den Einreise-Kandidaten zu überprüfen. Wer will ausschließen, dass in Zukunft nicht Arbeitgeber gezielt Informationen über die Persönlichkeitsstruktur oder den Gesundheitszustand potentieller Bewerber einkaufen? Eine Schufa-Prüfung für Charakter und Gesundheit.

Aber es muss gar nicht so kompliziert sein.  Mit „Affective Computing“ lässt sich die Gefühlswelt beliebiger Personen ganz einfach in Echtzeit auslesen. Dazu braucht es lediglich eine Kamera und ein entsprechendes Programm. Das Programm erkennt aufgrund des Gesichts, der Mimik und der Kleidung von Personen, den aktuellen Gemütszustand (aktuelle Programme unterscheiden schon heute ein „echtes“ von einem „aufgesetzten“ Lächeln), Geschlecht, Alter ethnische Herkunft und sozialen Status. (Über die Gesichtserkennung wäre es außerdem theoretisch möglich, zu dem Gesicht das passende Social-Media-Profil aufzurufen.) So lässt sich etwa im Einzelhandel jedem Kunden Werbung entsprechend seinem Gemütszustand und seiner finanziellen Kragenweite einblenden. Affective Computing im Auto erkennt, ob der Fahrer gestresst, müde oder aggressiv ist und kann entsprechend reagieren. Etwa eine Pause vorschlagen, einen Bekannten anrufen oder die Motorleistung drosseln.

Die permissive** Technik liest unsere Gedanken aus und schlägt uns das vor, was wir qua unserer Persönlichkeitsstruktur wollen oder, was wir qua Norm wollen sollten. Das mag in vielen Fällen gut sein. Etwa wenn der Bordcomputer eines Fahrzeugs erkennt, dass es auf eine Menschenmenge zusteuert, daraufhin bremst, die Türen des Fahrzeugs verriegelt und die Polizei kontaktiert. Oder wenn das Fahrzeug erkennt, dass es in der Garage steht und der Motor läuft. Es bedeutet aber in vielen Fällen auch ein Verlust an Freiheit und Eigenverantwortung. Der Bereich, indem eigenverantwortliche Entscheidungen getroffen werden können schwindet, wo permissive Technik präskriptiv, ja paternalistisch wird.

In einem System, das mehr über den Einzelnen weiß als der Einzelne über sich selbst, das bessere, informiertere Entscheidungen treffen kann als der Einzelne, verschieben sich die Begriffe dessen, was Freiheit und Eigenverantwortung bedeuten können. Sartre schrieb einst: „der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut.“ ***

Ein schöner Gedanke. Aus heutiger Sicht lässt sich entgegnen: die Verurteilung hat Bestand, der Freiheit haben wir uns entledigt. Anders formuliert: In einem smarten System ist der Mensch der Dumme!


* Karl Marx, Das Kapital, e-artnow 2014; Daten sind eigentlich ein Rohstoff, der durch Arbeit gewonnen wird. Dazu Marx: (…) „behandeln alle Industriezweige einen Gegenstand, der Rohmaterial, d. h. bereits durch die Arbeit filtrierter Arbeitsgegenstand, selbst schon Arbeitsprodukt ist.“

** vgl. Byung-Chul Han, Psychopolitik: Neoliberalismus und die neuen Machttechniken, Fischer 2014

*** Jean-Paul Sartre, Der Existentialismus ist eine Humanismus, Rowohlt 2014

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