I LIKE

Wir sind unaufhörlich am Chatten, Liken, Sharen und Kommentieren. Dafür wird die Sprache verkürzt und operationalisiert. So kondensiert sie in Symbolen, Icons, Likes, Emoticons. — Warum?

Erstens aus Gründen der Praktikabilität. Icons, besonders Emoticons, sind für den Einzelnen schneller verfügbar als eine artikulierte Aussage: „Ich freue mich“ versus „:)“ Damit sind Icons die ideale Sprache der digital beschleunigten Gegenwart. Im Idealfall spiegelt das Icon eine emotionale Einstellung gegenüber einem Ort, einer Begebenheit oder einem Thema. Icons sind nicht narrativ sondern plakativ. Über Icons findet keine Erzählung und kein Austausch von Gründen statt, es gibt keinen Raum für Interpretationen oder Ambivalenz. Das Icon erzählt nicht, es zeigt. Dabei ist es taub gegenüber der inhaltlichen Position des Anderen. Nicht aber gegenüber seiner Gefühlslage.

Icons sind universell, nicht individuell, sie funktionieren über Landesgrenzen hinweg. Wir verlagern unsere Emotionen in universelle,  vorkonfektionierte Förmchen. Indem wir mit diesen Förmchen interagieren, passen wir uns ihnen an. Keine Interaktion ohne Anpassung. Anpassung ist das Wesen der Evolution. In Zukunft wird unser emotionales Inventar dem Angebot vorkonfektionierter Förmchen entsprechen, das uns Facebook, WhatsApp und andere für die Kommunikation zur Verfügung stellen.

Zweitens aus Gründen der wirtschaftlichen Verwertbarkeit. Icons sind für den Algorithmus einfacher zu prozessieren als Sprache. Auch die Psychometrie von Usern lässt sich über Likes, Bewertungen (3 von 5 Sternen) und Icons effizienter auslesen als über Sprache, die komplex, ambivalent und interpretierbar ist. Likes, Shares und Icons verraten schneller, wie wir ticken, als es ausformulierte Beiträge je könnten. Zu wissen, wie wir ticken, ist eine Voraussetzung für die Aussteuerung von Angeboten. Angebote sind das eigentliche Ziel sozialer Netzwerke, ihr finanzielles Standbein. Der User ist das Nutzvieh des 21. Jahrhunderts, das Soziale Netzwerk sein Stall. Die Methode des indirekten Melkens garantiert glücklich Kühe. Facebook ist scheinbar kostenlos, wir zahlen mit unserer Freiheit, nicht mit unserem Geld. 

Das Ziel des Netzwerks, mithin aller Datensammler, ist es, die Psyche der User zum Zwecke wirtschaftlicher Nutzung vollständig zu vermessen, um sie dann unter Kategorien gebracht als Kundensegment auf dem Markt der Werbetreibenden verkaufen zu können. Bisher basierte der Vertrieb im Netz über die Korrelation: Kunden, die x gekauften haben, kauften auch y. Die Korrelation stellt indes nur einen schwachen Zusammenhang her, sie ist unpräzise, basiert nicht auf Kausalität noch auf Notwendigkeit.

Die totale Vermessung des Einzelnen zielt nicht mehr auf Korrelation sondern auf Identität. Die digitale Datenspur des Lebens in Form von GPS-Ortung und Navigation, Banking, digitalem Medien- und Sexkonsum, biometrischem Fingerabdruck, Fitness Tracking, Online-Shopping, kurz: die Gesamtheit des „digital behaviour“ vermisst die Psyche des Einzelnen exakter als jede Psychologie. Der Algorithmus hat bereits längst prozessiert, worüber das Gehirn noch grübelt. In einem System, das immer schon weiß, was der Einzelne wollen wird, endet die persönliche Freiheit. Aber wer sagt denn, dass es nicht auch glücklich Kühe geben könne?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s