Von der Renaissance des Sinns

Einen Job zu haben, das genügt längst nicht mehr. Zumindest nicht allen. In Zeiten der Vollbeschäftigung, des Fachkräftemangels und des Laborierens auf der grünen Wiese, Stichwort Start-Ups und Selbstständigkeit, müssen Arbeitgeber mehr als nur Gehalt bieten.

Sie kennen das: ein gesellschaftliches Ereignis, Small Talk … und dann die Gretchenfrage: „Was machen Sie denn beruflich?“

Nietzsche definierte den Beruf noch als Rückgrat des Lebens. Max Weber hat gezeigt, dass der Begriff des Berufs ursprünglich aus dem Protestantismus kommt, aus den Bibelübersetzungen von Luther. Die Arbeit als solche gibt es schon immer, die Arbeit aber als Beruf aufzufassen, sich der Arbeit gegenüber als Selbstzweck verpflichtet zu fühlen, weil sie ursprünglich als Berufung von Gott begriffen wurde, ist eine Errungenschaft des Protestantismus. (Der Beruf als religiöse Praxis des von Gott Berufenen – gleichsam ein Ideal für Arbeitgeber.)

Heute gilt eher der Grundsatz: Sag‘ mir, was du machst, für wen und was du arbeitest und ich sage dir, wer du bist. Indem der Beruf nicht mehr Berufung von Gott ist, wird er frei wählbar und damit begründungsbedürftig. Für hochentwickelte Länder gilt: Wer sich seinen Beruf frei wählen kann, muss auch begründen können, warum es gerade dieser im Gegensatz zu vielen anderen geworden ist. Der Verweis auf die Verdienstmöglichkeiten spielt dabei oft nur eine nachrangige Rolle.

Im Gegenteil, die Begründung der Berufswahl mit dem exklusiven Bezug auf die Verdienstmöglichkeiten ist oft nicht mehr sozial verkehrsfähig. Das ist die Kehrseite der These, dass Arbeitgeber mehr bieten müssen als nur Gehalt. Und das zeigt sich auch in der Praxis: Immer mehr Hochqualifizierte schlagen lukrative Jobangebote aus – entweder aus Sorge um ihre Work- Life-Balance oder aufgrund von Dissonanzen bezüglich der eigenen Wertvorstellungen und dem, wofür potentielle Arbeitgeber stehen.

Wir unterstellen also inzwischen mit der Wahl des Berufes eine normative Setzung. Man wählt einen Beruf, verbunden mit der Hoffnung, etwas Sinnvolles beitragen oder bewirken zu können, sich über den Beruf selbst verwirklichen zu können. Dass die individuellen Erfahrungen der im Klammergriff des globalen Finanzkapitalismus befindlichen kriselnden Gesellschaften oft andere sind, soll uns für den Moment nicht bekümmern.

Und folgerichtig setzen immer mehr Unternehmen hinsichtlich ihrer Recruiting-Kampagnen auf die Sinn-Karte. Wir hören und lesen von Arbeitgebern, die Sinn bieten und sich einem höheren Zweck verpflichtet fühlen, von „belief-drives-businesses“ und von Gurus, die Unternehmen auf ihr „why“ verpflichten wollen. Auf der anderen Seite werden wir verfolgt von Marken, die uns eine Haltung entgegen schleudern (Googles „Don’t Be Evil“ oder „Do The Right Thing“). Man muss schon sehr gutgläubig sein, um hinter diesen „Sinn-Karotten“ nicht knallhartes unternehmerisches Kalkül zu vermuten.

Aber die Frage nach dem Zusammenhang von Wirtschaft, Sinn und Profit ist ja berechtigt. Die Herausforderung ist nur, die Begriffe ins rechte Verhältnis zu setzen. Denn der Einzelne hat ja immer ein sehr genaues Gespür für das für ihn Sinnvolle. Jeder kann ad hoc angeben, ob eine Sache für ihn sinnvoll ist oder nicht. Auch, wenn die Begründung nicht immer sprachlich verfasst sein muss. Aber es ist eben ein Unterschied, ob wir als Einzelne über implizite Sinnurteile verfügen oder ob Kollektive beginnen, Sinn explizit zu „organisieren“ und zu proklamieren. Das heißt: Die Sinnbegriffe sind unterbestimmt. Und es ist an der Zeit, über die Maßstäbe zu sprechen, die wir als Gesellschaft an sinnvolles Arbeiten und sinnvollen Profit anlegen.


Referenzen:

  • Friedrich Nietzsche „Menschliches, Allzumenschliches“
  • Max Weber „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“
  • Simon Sinek „Start with Why: How Great Leaders Inspire Everyone To Take Action“

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